Prolog

„Zieh dich aus!“, keift Mama. Der Kehlkopf spielt eine wesentliche Rolle bei der Stimmbildung, habe ich gelesen. Den schematischen Aufbau habe ich mir bei Wikipedia angesehen und gedacht: Wie kann ein so kleiner Bestandteil des menschlichen Körpers derart grausam sein. Ich verziehe den Mund zu einem schmalen Strich. Die dampfende Wasseroberfläche zieht meine Aufmerksamkeit auf sich.

Mein Blick gleitet über den weißen Badewannenrand, den Rostflecken überall dort zieren, wo die Emaille abplatzt. „Zieh endlich deine Sachen aus!“, blafft Mama, zerrt mit gierigen Fingern an meinem Pullover. Stocksteif stehe ich da, wage nicht, mich zu bewegen. Ihre knotige Hand saust auf meine Wange herab und hinterlässt einen brennenden Abdruck. In meinen Augen sammeln sich Tränen, doch ich weine nicht. Sie beugt sich über den Wannenrand, dreht das heiße Wasser ab und mustert mich mit blassen schmalen Lippen. Widerstrebend ziehe ich den Pullover über den Kopf und streife die Jeans ab. Der Rest meiner Kleidung folgt auf den Haufen, der auf den schmutzigen Bodenfliesen liegt. Mit klopfendem Herzen beobachtet ich, wie ein Silberfisch daraus hervorkriecht und in den Fugen Deckung sucht.

„Mein Süßer!“, säuselt Mama, nimmt mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und dreht meinen Kopf, so dass ich sie ansehen muss.In ihrem Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab, und ihre Pupillen leuchten.Ihr frohlockendes Schmunzeln irritiert mich. Ich weiche ihm aus und starre stattdessen auf einen Punkt darunter, auf die Stelle, an der ihr Kehlkopf sitzt.Ich verschränke die Hände vor der Scham. Zarte gekräuselte Haare sprießen dort und kitzeln mich an den Fingern. Sie inspiziert mich von Kopf bis Fuß, und ihr Blick häutet mich. Hilfesuchend stiere ich zur Tür, doch die ist zu. „Steig in die Wanne!“, befiehlt sie. Stoßweise trifft mich ihr feuchter Atem im Gesicht. Angewidert verziehe ich die Lippen und starre sie mit großen Augen an. Zögerlich hebe ich ein Bein über den Wannenrand und tauche den dicken Zeh in das Wasser. Mein Zeh kocht. Ich zucke zurück, den Mund verzerrt. Im gleichen Augenblick packt sie zu. Unerbittlich hält sie mich mit eisernem Klammergriff im Nacken, wie einen räudigen Hundewelpen, zwingt mich mit erbarmungslosem Druck in die Wanne. Scharf sauge ich die Luft ein und hechele den Schmerz weg. Unversehens sitze ich bis zur Brust in der Hitze. Schweiß perlt mir auf der Stirn.

Mit einem zufriedenen Lächeln starrt sie zwischen meine Beine. Ich überkreuze sie, weiß aber, dass es nichts nutzen wird. Sie hat den Waschlappen schon in der Hand. Vor meinen Augen lässt sie mit einem vernehmlichen Schmatzen die flüssige Seife auf das raue Frottee laufen. Aprikosen–Vanille Duft erreicht meine Nase, und ein Würgereiz kriecht mir die Kehle empor. Ihre Linke krallt sich mir in die Schulter. Lange rote Nägel bohrt sie in meine Muskeln. Morgen werden mich die tiefen Nagelabdrücke im Fleisch an dieses Bad erinnern. Die andere Hand steckt im Waschhandschuh und schmirgelt mit dem rauen Frottee über die zarte Haut an meiner Wirbelsäule entlang. Mit kreisenden Bewegungen nähert sie sich dem Steiß. Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Das ist das Schlimmste. Ich werde hart. „Was machst du da?“, kreischt sie. Stumm und reglos starre ich auf die gegenüberliegende Wand, an der in den Fugen schwarzer Schimmel blüht. „Du Schwein!“, schreit sie. „Jetzt muss ich dich DA waschen!“ Meine Ohren schmerzen. Kerzengerade sitze ich da, als mir der Waschlappen zwischen die Beine fährt. „Du perverse Ratte! Das ist krank! Das ist so was von krank!“ Hatte Mama recht? War ich krank?

Ein Psycho, wie die Mitschüler in der Klasse mich verhöhnen, wenn ich mal wieder mit der Faust auf die Betonwand eingedroschen und die Tapete mit Blut besudelt habe. Manchmal kann ich nicht anders. Groll kocht dann in mir, der Schmerz ist wie ein Pfropf, der von einem Flaschenhals springt und all meine Wut ungehindert hinausfluten lässt. Ich denke an den winzigen Knorpel, der zur Stimmbildung beiträgt. Wie ist es wohl, ihn zwischen den Fingern zu halten, die Beschaffenheit seiner Oberfläche zu tasten? Ich starre auf Mamas Hals.

Kapitel 1

19. 12. 2018 Mittwoch vor Weihnachten
Dicke, frostige Tropfen klatschten ihr auf den nassen Kopf und klebten ihr kalte dunkelbraune Strähnen ins Gesicht. Dabei war Maren gerade erst aus dem Auto ausgestiegen, das sie auf dem Parkplatz an der Bergstraße gegenüber der Turnhalle in der Wassenberger Oberstadt abgestellt hatte. Es regnete in Strömen. Wie praktisch jedes Jahr zu Weihnachten. Hamburger Schmuddelwetter. Paah! Die Hamburger sollten mal zur Weihnachtszeit nach Wassenberg kommen.

Es nutzte nichts. Das Grab ihres Schwiegervaters Wilfried Horst auf dem Waldfriedhof musste hergerichtet werden, um Gerede zu vermeiden. Nicht auszudenken, wurde ihre Schwiegermutter Almuth von ihrem Kaffeeklübchen darauf angesprochen. Dann konnte Maren sich warm anziehen. Es war Programm, dass die alte Kuh zu ihrem Sohn rannte. Der wies Maren daraufhin mit wachsender Begeisterung vor versammelter Mannschaft am Abendbrottisch zurecht. Die Blöße gab sie sich nicht.Eigentlich hatte sie genug zu tun. Das Führen eines Haushaltes, dem drei jugendliche Küchendienstverweigerer, eine alte Schabracke, die diesen die Stange hielt – insbesondere dann, wenn es gegen sie ging – und ein Mutterduckser – angehörten, nahm sie intensiv in Anspruch. Manchmal dachte sie ernsthaft darüber nach, ihnen die Brocken vor die Füße zu werfen. Jedoch liebte sie ihre Kinder viel zu sehr. Am liebsten würde sie ihre Schwiegermutter mitsamt ihrer Hinterhältigkeit vor die Tür setzen. Leider war das unmöglich.

Ihr gehörte das Haus, in dem sie lebten. Ihre Familie war hier geduldet. Falsch! Sie war nur geduldet. Sie ging um ihr Auto herum, klaubte die Gartenhandschuhe und die Friedhofskerze vom Beifahrersitz. Während sie ihren Wagen verschloss, sah sie sich auf dem Parkplatz um. Kein Mensch kam auf die Idee, am Mittwoch vor Weihnachten um achtzehn Uhr siebenunddreißig im Schneeregen das Grab eines Angehörigen aufzuhübschen. Die Laternen brannten seit drei Stunden. Sie bedauerte, keine Taschenlampe eingesteckt zu haben. Das hastig in den Korb geworfene Grablicht konnte sie anzünden, was allerdings nur spärlich Helligkeit spenden würde. Sie stieß die Metalltür am Friedhofseingang auf. Der Wind riss sie ihr aus der Hand. Laut quietschend flog sie auf und schepperte gegen die Steinmauer. Maren zuckte zusammen. Eilig huschte sie hindurch, bevor die Tür wiederum kreischend ins Schloss fiel. Flüchtig blickte sie sich zur Straße um. Ein schwarzer SUV mit getönten Scheiben rauschte mit überhöhter Geschwindigkeit an der Turnhalle vorbei. Sie fröstelte. Wäre sie doch bei Tageslicht gefahren. Die Stille des Friedhofs, nur unterbrochen vom Fauchen des Windes und Knistern des herabfallenden Schneeregens, legte sich wie Blei auf ihre Seele. Die flackernden roten und weißen Grablichter verstärkten ihre Gänsehaut. Dumme Kuh! Was soll groß passieren!

Ihr Handy fiel ihr ein. Entschlossen kramte sie es aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und schaltete das Flashlight ein. Prompt latschte sie in eine Pfütze. Das eisige Wasser sickerte in Schuhe und Socken und gefror ihre Zehen. „So ein Mist!“, fluchte sie. Ein Rascheln rechts von ihr hinter einem großen Nadelbaum ließ sie zusammenfahren. Ihr Herz trommelte gegen die Rippen. Hastig lenkte sie das Licht ihres Handys in das finstere Unterholz. Ein Eichhörnchen drehte sich um und floh mit wieselndem Schwanz einen Baumstamm hinauf. „Jetzt werde ich schon paranoid! Mach, dass du weiterkommst, verrichte deine Arbeit und nichts wie weg hier!“ Sie schüttelte ihren nassen Fuß und marschierte forschen Schrittes den Hauptpfad des Friedhofs entlang. Der Schrei eines Käuzchens hallte von den Bäumen wieder. Sie schrak zusammen. Ihre Nerven lagen blank. Rückzug war keine Option. Sie straffte sich und leuchtete die nähere Umgebung aus. Auf der rechten Seite zuckte der Lichtkegel über graue Skulpturen und Kreuze mit Inschriften und warfen bizarre Schatten auf die Gräber und Wege. Jesusfiguren, deren Antlitze in der Finsternis durch den Schein der Grablichter zu Fratzen mutierten, breiteten ihre Arme über Begräbnisstätten und neigten ihre mit Dornenkronen umrahmten Häupter auf die Verstorbenen hinab. Die toten, marmorierten Pupillen jagten ihr Angst ein. Hastig setzte sie ihren Weg fort. Ihr Licht flirrte über die linke Seite. Auch hier Augen und Gesichtszüge, in Holz geschlagen. Sie schwenkte mit dem Lichtkegel zurück. Erfasste blaue Zehen. Erstarrte. Ein Schrei erklomm ihre Kehle. Sie japste nach Luft, bevor sich ihr Kreischen im Schneeregen verlor.

 

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